Nach drei Jahren mit zahlreichen Streiks und Verhandlungen
Tarifverträge für die Zeitungsgruppe Stuttgart unterzeichnet
Ausblick aus der Chefetage des Stuttgarter Pressehauses
Hier hatten die Verhandlungen größtenteils stattgefunden. Als dieses Foto im November aufgenommen wurde, lag ein Abschluss noch in weiter Ferne.
Höhere Einstiegsgehälter, eine verlässliche jährliche Steigerung, mehr Geld bei Zielerreichung, betriebliche Altersversorgung für alle Redakteur*innen und Erhalt der Tarifbindung für Altverträge: Das sind die Eckpunkte der Haustarifverträge für die Zeitungsgruppe Stuttgart (ZGS), welche nach langen Verhandlungen am heutigen Dienstag von den beteiligten Gewerkschaften DJV und Verdi sowie der ZGS-Geschäftsführung unterzeichnet wurden. Die Belegschaft wird am 04.03. in einer Belegschaftsversammlung über die Details informiert.
Schlusspunkt nach langem Tarifkonflikt
Fast auf den Tag genau drei Jahre ist es her, dass der DJV die Medienholding Süd am 01.03.2023 erstmals zur Aufnahme von Haustarifverhandlungen aufgefordert hatte. Die Reaktion: Weigerung der Geschäftsführung, überhaupt verhandeln zu wollen. Dies machte über 20 Streiktage mit sehr guter Beteiligung trotz haltloser Drohungen der Geschäftsführung notwendig, um zunächst den Beginn der Verhandlungen und in Folge die Forderungen der Gewerkschaften durchzusetzen. Im März 2025 hatte zunächst ein über Monate dauernder Verhandlungsmarathon begonnen, bei dem zwischenzeitlich durch die Übernahme der ZGS durch die Neue Pressegesellschaft Ulm alles wieder auf Anfang stand, was zuvor schon in trockenen Tüchern war. Doch am Ende dieses für alle Beteiligten sehr anstrengenden Prozesses stehen jetzt endlich drei Haustarifverträge und eine Betriebsvereinbarung, welche sowohl für Redakteur*innen als auch für Verlagsangestellte eine deutlich bessere Bezahlung mit planbaren Erhöhungen bedeuten. Im Gegenzug trägt der Abschluss dem von der neuen Geschäftsführung gewünschten Prinzip Rechnung, dass jährliche Erhöhungen und Bonuszahlungen auch von der Erreichung vorher definierter Zielvorgaben abhängig sein sollen.
Feste Mindestgehälter, jährliche Erhöhung für alle, Boni bei Zielerreichung
Im Einzelnen definieren die beiden Haustarifverträge für Verlagsangestellte (inklusive Auszubildende) und Redakteur*innen (einschließlich Volos) feste Mindestgehälter, die teilweise deutlich über den bisherigen liegen. Auch erhalten beide Berufsgruppen eine verlässliche, jährliche Gehaltssteigerung von 1,5 %. Diese erhöht sich um weitere 0,5 % sowie einen Bonus von zusätzlich 2,5 % als Einmalzahlung, sofern die Mitarbeitenden bis zu drei Zielvorgaben erfüllen, die zu Jahresbeginn in einem Gespräch mit der jeweiligen Führungskraft festgelegt werden. Wie genau diese Gespräche ablaufen und welche Zielvorgaben vereinbart werden können, regelt eine Betriebsvereinbarung, auf die in den Tarifverträgen verwiesen wird. Vor allem um den Inhalt der BV war zwischen Betriebsrat und Arbeitgeberseite hart gerungen worden: Während sich die Geschäftsführung von den Zielvereinbarungen eine “Steigerung der Dynamik des Hauses” verspricht, was konkret wohl höhere Einkünfte aus Abos und Werbeeinnahmen bedeuten soll, sahen die Gewerkschaften und der Betriebsrat das Instrument von Beginn an sehr kritisch. Schließlich ließ es befürchten, dass künftig Klickzahlen und Abo-Abschlüsse noch mehr als heute schon zum Qualitätskriterium für journalistische Arbeit gemacht werden sollen. Dieser Sorge konnte mit der Betriebsvereinbarung Einhalt geboten werden: Die Ziele sind darin klar definiert, müssen mit normaler Arbeitsleistung gut erreichbar sein und dürfen keine konkreten Vorgaben zum wirtschaftlichen Erfolg einzelner redaktioneller Beiträge machen. Somit ist das Verfahren für beide Seiten transparent und die journalistische Unabhängigkeit bleibt gewahrt.
Altersversorgung für alle, Tarifbindung für Altverträge, 40-Stunden-Woche
Ebenfalls wurde mit der Unterzeichnung der bereits Ende Juli geschlossene Tarifvertrag über die betriebliche Altersversorgung nochmals neu gefasst. Alle ZGS-Redakteur*innen haben danach Anspruch auf eine betriebliche Altersvorsorge über die Presse-Versorgung mit 4% monatlichem Zuschuss durch den Arbeitgeber. Diesen Vorteil hatten diejenigen Kolleg*innen, welche aufgrund älterer Verträge noch tarifgebunden sind, schon lange. Auch diese Personengruppe geht aber beim Abschluss nicht leer aus: Der Tarifvertrag sieht rechtlich bindend vor, dass diese und weitere Vorteile der dynamischen Tarifbindung der Altverträge erhalten bleiben. Dies gilt auch für die wöchentliche Arbeitszeit, welche für künftig bei der ZGS Angestellte auf 40-Stunden festgelegt wurde - was aber bei den meisten Redakteur*innen auch bisher schon so im Arbeitsvertrag steht
DJV wertet Abschluss als Erfolg
“Wenn man die lange Dauer und die zahlreichen Schwierigkeiten dieses Tarifkonfliktes in den letzten drei Jahren betrachtet, sind die Tarifverträge ein wirklich toller Erfolg für die ZGS-Beschäftigten”, resümiert Geschäftsführer Gregor Schwarz, der gemeinsam mit Christoph Holbein die Verhandlungen für den DJV geführt hatte. Das System mit den Zielvereinbarung sei Neuland in der Presselandschaft, man müsse beobachten, ob es in der Praxis funktioniere. “Das Tarifmodell der ZGS könnte dann durchaus auch für andere tariflose Verlage in Baden-Württemberg interessant sein, wir bleiben auf jeden Fall dran”, lautet sein Ausblick in die Zukunft.
Die Tarifverträge der ZGS haben eine Laufzeit bis zum 31.12.2027.